Geschichten aus Kindheit und Jugendzeit

Die vorliegenden Photographien, die zwischen 1981 und 1988 entstanden sind, habe ich zu einem Portfolio zusammengestellt, in dem 17 visuelle Geschichten aus Kindheit und Jugendzeit erzählt werden. Im Künstlerbuch sind sie in Kapitel eingeteilt; die Kapitelüberschriften stehen symbolisch für die Jahre von 1951 bis 1967. Die Geschichten sind mehr oder weniger so passiert oder es hätte zumindest so sein können. Grundlage der Photographien ist die Sammlung von Frauenporträts und Aufnahmen vom Bildschirm.

1951 "Puppenspiele". Durften kleine Jungs Anfang der 1950er Jahre mit Puppen spielen? Ich hatte jedenfalls keine Gelegenheit und sie damals auch nicht vermisst. Meine erste Barbie-Puppe habe ich erst 30 Jahre später erhalten und sie dann ausführlich fotografiert, sozusagen als Nachholung der Kindheit. Schließlich war ihr offizieller Geburtstag am 9. März 1959 in New York und in Deutschland ein paar Jahre später.

1952 "Schiebung". Gibt es das heute immer noch? Schiebekarten mit erotischen Motiven waren in den 1950/1960er Jahren beliebt. Vorzugsweise ließ eine Frau ihre Hüllen fallen, mal langsam, mal schnell, je nachdem wie fingerfertig man mit dem Schieber war. Beliebt waren auch Kugelschreiber, mit einer angezogenen oder nackten Frau; es kam nur darauf an, wie herum man den Schreiber hielt.

Text-Kindergeschichten-puppenspiele1953 "Die Regentinnen". Der Duden bezeichnet eine Regentin als Fürstin, Herrscherin oder Gebieterin; hier geht es aber um Frauen-Porträts in schwarzweiß. Soweit ich zurückdenken kann, haben mich Abbildungen von Frauen interessiert und die waren in Tages- oder Wochenzeitungen in den 1950er Jahren nur als schwarzweiße Fotografien zu finden. Nachdem die Zeitungen ausgelesen waren, habe ich sie oft "ausgeschlachtet".

1954 "Die Scheinheiligen". Eine scheinheilige Person täuscht Eigenschaften wie Unschuld, Freundlichkeit, Interesse und Mitgefühl vor, aber stille Wasser können auch tief sein. Scheinheilig zu sein bedeutet, dass jemand so tut als ob er einzelne Eigenschaften eines Heiligen habe, ohne diese zu besitzen. Scheinheilig ist eine Zuschreibung von außen, die in der Regel abwertend gemeint ist. Um des eigenen Vorteils willen kann jemand so tun, als sei er ehrlich an einem interessiert ist. Der Reiz der beiden letzten Episoden rührt von dem deutlich zu erkennenden Raster des Zeitungsdrucks.

1955 "Die Frau in Rot". Der Titel dieser Episode ist der US-Amerikanischen Filmkomödie von und mit Gene Wilder entlehnt. Filme mit Szenen im Marylin Monroe-Stil gibt es viele. Am bekanntesten ist die Szene aus dem Film "Das verflixte 7. Jahr" von Billy Wilder. Darin wird der Rock von Marylin Monroe von der Abluft der U-Bahn angehoben. Die Szene schrieb Kinogeschichte, das Foto wurde weltberühmt. Aus naheliegenden Gründen musste diese Episode in Farbe sein.

1956 "Die Schöne und das Tier". Ein reicher Kaufmann hat drei Söhne und drei Töchter. Die jüngste Tochter, "die Schöne" genannt („La Belle“), ist bescheiden und freundlich; ihre Schwestern dagegen sind boshaft und selbstsüchtig. Eines Tages verliert der Kaufmann seinen ganzen Reichtum, als seine Schiffe auf hoher See in einen Sturm kommen. Als Vorlage für meine Episode diente der Film "King Kong und die weiße Frau" (mehrere Verfilmungen).

1957 "Knees and Legs". Frauenbeine sind unwiderstehlich erotisch, da sie die Blicke zum Geschlecht leiten. Beine sind nicht nur zum Anschauen da. Männer lieben es, sie anzufassen und damit umschlungen zu werden. Berühren sich Knie unter dem Tisch wie zufällig, ist das ein Signal. Legt jemand gar eine Hand auf den Oberschenkel und darf sie dort liegen bleiben, ist das ein noch deutlicheres Zeichen. Schenkel und Knie sind erogene Zonen bei beiden Geschlechtern.

1958 "Kindertraum". Es ist sicherlich einer der schönsten Träume als Junge einmal eine Frau nackt zu sehen; und zwar nicht heimlich, sondern im beiderseitigen Einverständnis, so wie in meiner zweiteiligen Geschichte. Es sollte nun nicht gerade die eigene Mutter sein, aber die ältere Kusine wäre schön.

1959 "Die Lehrmeisterin". Gibt es eine erotische Lehrmeisterin für den Jungen? So wie auf meinem Foto gab es das in meiner Jugendzeit nicht. Schade!

1960 "Träumer". Doch wovon träumen Jungmänner genau? Im Prinzip von allem Möglichen, genau wie Frauen. Der große Unterschied: Sie fantasieren anders als Frauen und reagieren stark auf optische Schlüsselreize. Frauen lieben Geschichten. Männer reagieren auf das, was sie sehen. Und die Statistik zeigt: Das Klischee ist häufig ziemlich nah dran an der Wahrheit.

1961 "Tatort". Ein Tatort ist ein Ort, an dem sich eine Tat zugetragen hat. Meine Tatorte waren in den 1950/1960er Jahren in meinen Lieblingssendungen im Radio (sic!) in den Hörspielen "Paul Tempel und der Fall …" von Francis-Durbridge. Den Detektiv Paul Tempel sprach René Deltgen (1909-1979) mit seiner einmaligen, immer wieder zu erkennenden rauchigen Stimme.

1962 "Ewalds Geheimnis". In meiner Kindheit, während der 1950er Jahre, war die menschliche Sexualität kein Thema, weder in öffentlichen noch in familiären Gesprächen. Sogenannte Aufklärungsgespräche fanden gar nicht oder zu spät statt. Wenn die Schulbücher schon keine nähere Aufklärung bieten, ist man ganz wild darauf, sie woanders zu finden: Ein Schulkamerad ist an ein medizinisches Lehrbuch herangekommen, versehen mit entsprechenden Zeichnungen oder der Vater hat in seinem Rasierapparat-Behälter Fotografien von nackten Frauen "versteckt". Sollte das vielleicht eine versteckte Aufklärungsarbeit sein? Jedenfalls haben die Bilder zumindest bis 1981, dem Zeitpunkt der Aufnahme, glücklicherweise überlebt.

1963 "Die Zofe". Die Kammerzofe diente der Herrin in ihren Privatgemächern beispielsweise beim Ankleiden und der Körperpflege. Sie stand meist eine Stufe unter der adeligen Herrschaft. In der Regel wurde die Berufung zur Zofe aber als gesellschaftlicher Aufstieg empfunden. Die Zofe ist eine beliebte, oft erotische Figur in der Literatur, in der Oper und im Film. Kein Wunder, dass ich entsprechende Filme und Bücher gerne gesehen und gelesen habe.

Text-Kindergeschichten-Oelbilder1964 "Achterbahnfahrt". Erotische Situationen gab es natürlich auch immer wieder auf dem Jahrmarkt. Die Kirmes half dabei, ein Mädchen anzusprechen und Nähe herzustellen. Bei der Fahrt auf der "Raupe" (Berg- und Talbahn) rutschte man durch die Fliehkräfte wie von selbst auf die Partnerin zu; und wenn der Kontakt unerwünscht war, dann lag es ja nicht an einem selbst, sondern am Karussell. Ähnlich war es in der Geisterbahn oder im Riesenrad. Im Autoskooter konnte man schon mal ein Auto mit Mädchen anfahren und schauen, ob das gut ankommt.

1965 "Visionen im Wald". Gibt es erotische Phantasien im Wald? Warum nicht, wie meine Bildfolge zeigt. Phantasien sind ja keine Realität, aber dahinter verbergen sich Wünsche nach Realität. Wissenschaftler haben festgestellt, dass man sich im Wald mit Vogelgezwitscher automatisch wohler fühlt. Und man kann dann der Phantasie freien Lauf lassen.

1966 "Rhapsodie in Oel". Die Serie besteht aus vier Blättern aus einem Dessous-Katalog. Die Seiten wurden in Öl "eingelegt" und dadurch durchsichtig gemacht; die Vorder- und Rückseite weist somit immer zwei Modelle gleichzeitig auf. Die vier Paare sind fast identisch. Das macht den Reiz dieser kleinen Serie aus. Die acht Bilder sind die Einzigen des Portfolios, die ohne Kamera entstanden sind; sie wurden eingescannt.

1967 "Sammlung Konkret". Die linke Zeitschrift Konkret hatte in den 1960er Jahren großen Einfluss auf die linke Studentenschaft und APO. Wie wir heute wissen, wurde sie aus der DDR finanziell unterstützt. Herausgeber war Klaus Rainer Röhl zusammen mit Ulrike Meinhof und Stefan Aust. Andauernd gab es Probleme mit der Finanzierung, obwohl der Bekanntheitsgrad sich enorm vergrößerte. Mit den Anfängen der sexuellen Emanzipation rückten verstärkt sexuelle Themen unter Verwendung von erotischen Fotos in das Blatt; dies ließ eine höhere Auflage erwarten. Die schönsten Fotos habe ich damals gesammelt und abfotografiert.

Friedhelm Denkeler im November 2018

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