Portfolio »Schatten und Spiegel«, 2020

Selbstbildnisse 1976 bis 2020

Indexprint zum Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020
Indexprint zum Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Fotos © Friedhelm Denkeler

Die vorliegenden Bilder habe ich während des letzten halben Jahrhunderts produziert. Sie waren ursprünglich nicht als Projekt geplant, sondern kristallisierten sich im Laufe der Jahre zu einem eigenständigen Portfolio aus. Künstlern wird empfohlen, ein nach Norden gelegenes Atelier zu wählen, um so störende Schatten zu vermeiden; in meinen Bildern spielen sie aber die Hauptrolle. Und was sehen wir im Spiegelbild?

Anders als ein Schlagschatten, der flach auf dem Boden liegt, ragt das Spiegelbild in den fiktiven Spiegelraum hinein. Die Photographien sind zeitlich von 1979 bis 2020 geordnet; sie stellen dadurch, wie auch meine anderen Werke, eine Art bildliches Tagebuch dar. Siehe hierzu auch der Artikel »Ein halbes Jahrhundert in eigenen Schatten- und Spiegelbildern«.

Das gesamte Portfolio besteht aus 190 Photographien 30 x 45 cm. In dieser Übersicht stehen 25 als Indexprint und als Einzelbilder zur Ansicht bereit. Die Bilder sind auch als gedrucktes Künstlerbuch mit 196 Seiten im Format 27 x 20,5 cm erschienen. (2021). Weitere Informationen zu den Original-Prints und den Künstlerbüchern finden Sie im »Support«.


Einzelbilder

»Venezia«, Italien, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1979
»Venezia«, Italien, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1979
»Schatten mit Fisch«, Porto Alto, Portugal, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1986
»Schatten mit Fisch«, Porto Alto, Portugal, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1986
»Dörte in Ewalds Ledermantel«, Ilsenhof, Berlin-Neukölln, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1982
»Dörte in Ewalds Ledermantel«, Ilsenhof, Berlin-Neukölln, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1982
»Flucht aus dem Paradies« (Nicolas Roeg: »Walkabout«, GB/Australien 1971), Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
»Flucht aus dem Paradies« (Nicolas Roeg: »Walkabout«, GB/Australien 1971), Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
»TV-Spiegelbild«, Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
»TV-Spiegelbild«, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
»Drei Rohre», Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1994
»Drei Rohre», Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1994
»Barfuß am Ostsee-Strand«, Usedom, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1995
»Barfuß am Ostsee-Strand«, Usedom, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1995
»Gefährliches Spiel» oder: »Furchtlos näherte sich der Fotograf dem zähnefletschenden Ungeheuer«, Fehrbellin-Dechtow (Gutshaus Dechtow), Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1996
»Gefährliches Spiel» oder: »Furchtlos näherte sich der Fotograf dem zähnefletschenden Ungeheuer«, Fehrbellin-Dechtow (Gutshaus Dechtow), aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1996
»Kindlicher Akt«, Wien, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1997
»Kindlicher Akt«, Wien, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1997
«Das Fenster zum Hinterhof«, Berlin-Steglitz, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1999
«Das Fenster zum Hinterhof«, Berlin-Steglitz, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1999
»Heiligenschein«, Galerie Pernkopf, Pariser Straße, Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2006
»Heiligenschein«, Galerie Pernkopf, Pariser Straße, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2006
»Selbst mit Rhus Typhina«, Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2006
»Selbst mit Rhus Typhina«, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2006
»Dreieck-Spiegelung«, Kulturforum, Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2006
»Dreieck-Spiegelung«, Kulturforum, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2006
»Optische Spiegelung« Binz, Rügen, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2007
»Optische Spiegelung« Binz, Rügen, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2007
»Wasserspiegel«, Alexanderplatz, Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2008
»Wasserspiegel«, Alexanderplatz, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2008
»Schatten auf dem Parkplatz«, Edeka Reichelt, Körnerstraße, Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2009
»Schatten auf dem Parkplatz«, Edeka Reichelt, Körnerstraße, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2009
»Industriegebiet in Schwedt/ Oder«, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2009
»Industriegebiet in Schwedt/ Oder«, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2009
»Auch Babys brauchen Brillen«, Kopenhagen, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»Auch Babys brauchen Brillen«, Kopenhagen, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»In der führerlosen U-Bahn», Kopenhagen, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»In der führerlosen U-Bahn», Kopenhagen, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»Blick aus dem Schwarzen Diamant«, Kopenhagen, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»Blick aus dem Schwarzen Diamant«, Kopenhagen, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»Hühnchen am Haken«, Georgenstraße, Berlin, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Hühnchen am Haken«, Georgenstraße, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Langer Schatten am Reichtagsgebäude« Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Langer Schatten am Reichtagsgebäude« Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Schwarzer Marmor«, Alter St.-Matthäus-Kirchhof, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Schwarzer Marmor«, Alter St.-Matthäus-Kirchhof, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Nur ein Steinwurf entfernt …«, Unter den Linden, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2020
»Nur ein Steinwurf entfernt …«, Unter den Linden, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2020

Ein halbes Jahrhundert in eigenen Schatten- und Spiegelbildern

Der Schatten des Photographen

Meine erste Erinnerung an das Phänomen des Schattens habe ich durch eine Photographie, auf der meine Großmutter zu sehen ist. Das Bild mit Wilhelmine Augusta Meinert, eine in Borchersdorf, Kreis Neidenburg/Ostpreußen am 3. Oktober 1883 geborene Plewka, ist im Jahr 1940 in Ost-Westfalen entstanden. Meine Großeltern wohnten damals in der Ortschaft Varl im Kreis Minden-Lübbecke. Leider ist nicht überliefert, wer die drei kleinen Kinder sind, die meine Großmutter vermutlich im Frühjahr, unter einem mächtigen Baum vor dem Haus Kalkhake, umarmt.

»Wilhelmine Meinert«, Hof Kalkhake, Varl/Ost-Westfalen, 1940, Archiv © Friedhelm Denkeler
»Wilhelmine Meinert«, Hof Kalkhake, Varl/Ost-Westfalen, 1940, Archiv © Friedhelm Denkeler

Wie ich als kleines Kind meinen eigenen Schatten entdeckte und wie dieser meine eigenen Bewegungen nachmachte, kann ich nicht erinnern. Um auf einem Bild wie festgeklebt an den Gegenständen, ein schwarzes Etwas als Schatten zu identifizieren, dürfte nur mit Elternhilfe möglich gewesen sein. So war es dann auch mit dem Bild meiner Großmutter; die Eltern klärten auf, dass es der Schatten des Photographen ist. Und so sind neben meiner fotografischen Tätigkeit im letzten, fast halben Jahrhundert, die vorliegenden 190 Selbstbildnisse als eigene Schatten- und Spiegelbilder entstanden.

Die Bilder habe ich zwischen den Jahren 1976 und 2020 produziert. Sie waren ursprünglich nicht als Projekt geplant, sondern kristallisierten sich im Laufe der Jahre zu einem eigenständigen Portfolio aus. Der Schatten ist oft negativ konnotiert: Der hat wohl einen Schatten. Ist nur ein Schatten seiner selbst. Führt ein Schattendasein. Verschattet! Früher stand auf den Filmpackungen zur Einstellung der Kamera der Hinweis: Die Sonne lacht, Blende 8! Der Nachteil war allerdings der schwere Schlagschatten, den der Film oft nicht verkraftete. Künstlern wird empfohlen, ein nach Norden gelegenes Atelier zu wählen, um so störende Schatten zu vermeiden. In meinen Bildern spielen sie die Hauptrolle. Um das Rätsel des Schattens einzufangen, braucht man aber Licht. Zur Geschichte der Photographie gehört auch die Geschichte des Schattens. Im Alltag ist es oft so, dass man nicht auf den Schatten, seinen eigenen oder den Schatten der Dinge achtet. Und wenn man ihn doch sieht, fragt man sich wie dieses flüchtige Ding wohl zum Abbild seiner selbst werden kann. Davon handelt der nächste Artikel.

Die Erfindung der Photographie

Der römische Gelehrte und Geschichtsschreiber Plinius der Ältere (*23 n. Chr., †79 n. Chr.) erzählt in seinem bekanntesten Werk »Naturalis historia« die Geschichte der Tochter des korinthischen Töpfers Dibutates. Ihr Geliebter ging auf eine lange Reise und sie suchte verzweifelt nach einer bleibenden Erinnerung. Heutzutage hätte sie schnell mit ihrem Smartphone ein Foto gemacht, das gibt es bekannterweise aber erst seit 2000 n. Chr. Da sah sie plötzlich den durch eine Lampe verursachten Schatten ihres Geliebten auf der Wand und sie hatte eine Idee.

Eduard Daege: »Erfindung der Malerei«, 1832
Eduard Daege: »Erfindung der Malerei«, 1832

Die Tochter zeichnete die Umrisse vom Schatten ihres Geliebten im Profil auf der Wand nach. Und wie das in Künstlerfamilien nun einmal ist, hatte ihr Vater noch eine weitere Idee: Er machte anhand des Schattenrisses ein Relief aus gebrannter Tonerde. Der Tochter blieb so die Erinnerung an ihren Geliebten gewahrt. Für Plinius war dies die Geburtsstunde aller Malerei und Plastik. Die Höhlenmalerei lasse ich hier einmal außer Betracht.

Den deutschen Maler Eduard Daege (*1805, †1883) kennt nicht unbedingt jeder; seine Malerei kann man als akademisch bezeichnen, aber die Nationalgalerie Berlin besitzt sein bekanntestes Werk: »Die Erfindung der Malerei« aus dem Jahr 1832. Hier hat sich Daege die Erzählung von Plinius zum Vorbild genommen. Der Jüngling scheint kurz davor zu sein, in einen Krieg zu ziehen. Darauf deutet der bereitgelegte Helm am unteren Bildrand hin und seine Scham wird von einem Schwert bedeckt, ansonsten ist der Grieche wie immer nackt und seine Geliebte zumindest halbnackt.

Die deutschen Maler des Klassizismus liebten die Plinius-Geschichte, denn auch sie waren der Meinung, dass sich die Malerei von der scharfen Linie der Zeichnung und nicht von der Farbe herleitete. Man könnte das Bild von Daege aber auch die »Erfindung des Modells« nennen, denn mit der linken Hand richtet die Dibutates-Tochter den Kopf ihres Modells so aus, dass sie ihn im Profil zeichnen kann. Zusammengefasst lässt sich sagen: Vom Schattenwurf ausgehend kam es zur Zeichnung, dann zum Gemälde und, wenn man so will, zur Photographie, die es nun auch schon seit fast 200 Jahren gibt. Und die Moral von der Geschicht‘: Erst kommt die Malerei, dann die Photographie.

Das verlorene Spiegelbild

Unser heutiger Spiegel – der Silberspiegel – wurde erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Aber bereits in der Antike kannte man das Spiegelbild im Wasser, woraufhin sich die berühmte Spiegelbildsage um den schönen Jüngling Narziss entspann. Narziss war laut Ovid der Sohn des Flussgottes Kephisos und der Nymphe Leiriope. Viele verliebten sich in ihn, aber er wies alle zurück, so auch die Nymphe Echo. Als Narziss an einer idyllisch gelegenen einsamen Quelle, sein Bild im Wasser erblickte, verliebte er sich in sein eigenes Bild. Als das Wasser sich durch einen Windstoß kräuselte, kam er zu dem Schluss, er sei hässlich. Nach seinem Tod, verwandelte er sich in eine Narzisse.

John William Waterhouse: »Echo and Narcissus«, 1903
John William Waterhouse: »Echo and Narcissus«, 1903

Narziss wurde seitdem zu einem beliebten Thema in der Kunst, allein in Pompeji wurden an die fünfzig Darstellungen als Wandgemälde gefunden (siehe auch »Echo und Narziss« von John William Waterhouse, 1903). Natürlich kennen wir alle aus dem Märchen »Schneewittchen« der Gebrüder Grimm die berühmten Zeilen: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«

Unser Schatten zeigt hauptsächlich die Umrisse des Körpers. Aber was sehen wir im Spiegelbild? Anders als ein Schlagschatten, der flach auf dem Boden liegt oder auf einer Wand ruht, ragt das Spiegelbild in den fiktiven Spiegelraum hinein. Das Spiegelbild ist genau so weit hinter der spiegelnden Fläche wie die gespiegelte Person davor. Im Spiegel sehen wir alles seitenverkehrt und nicht nur uns selbst, sondern auch, was sich hinter uns befindet. Wir sehen mehr, als wir selbst sehen können. Fällt der Blick über zwei Spiegel auf uns, sehen wir uns wieder richtig, also so, wie man von anderen betrachtet wird. Das Spiegelbild kann nur von einem bestimmten Punkt aus gesehen werden. Verändert man seine Position gegenüber dem Spiegel, so sieht man ein anderes Spiegelbild. Der Schatten kann dagegen aus jeder Position wahrgenommen werden. Die Lage ist durch den Ort des Schattenspenders und der Lichtquelle festgelegt. Kompliziert wird es, wenn durch die Sonne zwei Schatten entstehen oder wenn gleichzeitig ein Schatten und ein Spiegelbild auftreten – etwa auf einem blankgeputzten Fliesenfußboden.

Der Künstler und sein Abbild

Das Selbstporträt ist von der Kunst in den Alltag gewechselt – als Selfie. Das ist eine Fotografie von der abgebildeten Person, die sie von sich auf Armeslänge oder vor dem Spiegel selbst angefertigt hat. Das Ziel dabei ist, das Bild zur Kommunikation über Social Media Plattformen zu veröffentlichen. Mit dieser grassierenden Selfie-Mode haben die hier dargestellten Bilder nichts zu tun – und mit künstlerischer Photographie auch nicht.

»Im Hamburger Bahnhof», Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Im Hamburger Bahnhof», Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der Titel »Schatten und Spiegel« kündigt bereits an, dass es sich nicht um ideologische oder soziologische Porträts handelt, sondern dass es weitgehend um Bilder mit meinem eigenen Schatten und Spiegelungen geht. Neben den Schatten- und Spiegelbildern entstanden im selben Zeitraum als Selbstbildnisse auch Photographien mit Händen und Füßen, aber das wird eine eigene Geschichte werden. Die Photographien sind zeitlich von 1979 bis 2020 geordnet; sie stellen dadurch, wie auch meine anderen Werke, eine Art bildliches Tagebuch dar.

Laut der Schöpfungsgeschichte ist das Selbstporträt so alt, wie der Mensch selbst, den Gott bekanntlich nach seinem Ebenbild aus Lehm erschuf. Praktisch alle Künstler und Photographen haben es ihm nachgemacht und sich in ihren Werken auch mit Selbstdarstellungen beschäftigt. Edvard Munch hat sie zeitlebens kaum jemandem gezeigt; sie wurden erst bekannt, als sein Nachlass gesichtet wurde. Dagegen agieren Gilbert und Georg nahezu in all in ihren großformatigen Collagen und Fotografien als lebende Skulpturen. Der Berliner Dieter Appelt zeigt seinen nackten Körper in schwarzweißen Bildern im Angesicht des Todes; ähnlich wie Arno Rafael Minkkinen, dieser aber mit Humor und Besessenheit.

Neben seiner laufenden fotografischen Tätigkeit hat Lee Friedlander seinen Schatten und sein Spiegelbild fotografiert. Francis Bacon malte nach seinem ersten Selbstporträt eine ganze Reihe von Selbstdarstellungen. Ähnlich ist es bei Ferdinand Hodler und Otto Dix. Jacques-Henri Lartigue fühlte sich als Maler, wurde aber als Photograph weltberühmt. Erwähnen möchte ich zum Schluss noch: Frida Kahlo, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Imogen Cunningham, Arnulf Rainer, Christian Boltanski, Cindy Sherman, Pierre Molinier, Urs Lüthi, Jürgen Klauke und Lucas Samaras.

Friedhelm Denkeler, Januar 2021


Dokumente

Künstlerbuch »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«, 30x21 cm, 204 Seiten, Hardcover, Selbstverlag © Friedhelm Denkeler 2014
Künstlerbuch »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«, 30×21 cm, 204 Seiten, Hardcover, Selbstverlag © Friedhelm Denkeler 2014
Künstlerbuch »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«, 30x21 cm, 204 Seiten, Hardcover, Selbstverlag © Friedhelm Denkeler 2014
Künstlerbuch »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«, 30×21 cm, 204 Seiten, Hardcover, Selbstverlag © Friedhelm Denkeler 2014